Lesehappen

Morgengeometrie

 

Das rote Dreieck ist gut durchleuchtet, als ich die Augen öffne, einen Spalt weit nur. Es reicht, um Anker zu werfen im Tag, um herausgesogen zu werden aus dem feinen Nest verbrauchter Luft. Das zweite rote Dreieck würde ich sehen, wenn ich mich bewegte. Wenn ich den Kopf die Matratze hinunterschöbe, was eine sehr unnatürliche Bewegung ist. Ich werde sie vermeiden, wenn ich es nicht vergesse. Einige Traumbatzen bleiben anhänglich. Ein Zug, der mit dir aber ohne mich abfährt, obwohl ich und nicht du darin sitzen sollte; ein Eisvogel, dessen Flügel mit Silberpapier umwickelt ist. Wir haben das schillernde Tier in einen Kühlschrank getan, in einen mit gläserner Tür und auf ein halbes Grad Celsius genau temperierbar, wie er für Wein verwendet wird. Ich bleibe liegen und das zweite rote Dreieck bleibt verborgen hinter der Kante der Dachschräge, unter der ich schlafe. Beide Dreiecke zusammen bilden das Rechteck des Fensters. Der rote Vorhang ist ein klagloser Begleiter vor ständig wechselnden Maueröffnungen. Sein Stoff ist kaum verschossen.

Wahrscheinlich ist es noch früh. Draußen passiert nicht viel. Eine gute Zeit, auf die Suche nach dem ersten Satz zu gehen, bevor die Vorstellung von der Welt wieder vorgibt, fassbar zu werden. Ein Lichtbalken schüttet Wärme über träge Beine. Staubpartikel tanzen in ihm. Zwischen ihnen wird sich ein Wort finden, mit dem man den Satz beginnen kann.

Im Weinkühlschrank war kein Einlegegitter und keine einzige Flasche darin. Wir müssen den Vogel mitten ins Leere gesetzt haben. Er ist dennoch nicht abgestürzt. Nur seine Flügelbinde aus Silberpapier ist abgefallen und zittert beschämt auf dem Boden des Geräts. Während ich mein Gesicht in den Händen halte, um es wiederzuerkennen, fällt mir die Sache mit dem Sauerstoff ein. Dass es nicht viel davon geben kann. Der kleine Vogel ist ein Pfeil aus poliertem Stahl. Er sitzt auf nichts und richtet seine Stecknadelkopfaugen durch mich hindurch. Ich hätte mich dabei auflösen sollen, aber er tut es für mich.

Ein Windzug verwirbelt die Staubteilchen und mit ihnen das Gesicht, das ich gerade zusammensetze. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob du das warst in dem Zug oder doch ich selbst. Vielleicht gehört das Wort „Zug“ zum ersten Satz, oder „Eisvogel“. Poetischer wäre er und noch dazu so gut wie ausgestorben. Doch dein Gesicht ist gerade seltener und kostbarer, seine Konturen wieder herzurichten nicht so einfach. Ich blinzle den Glibber von den Pupillen und probiere jedes verrutschte Teil, Kinn, Lippen, Augenlider, Ohren an die Stellen zu schieben, an die sie tagsüber gehören könnten. Wenn ich mich ein Stück verschöbe in den Sonnenfleck, läge ich bereits im Tag. Doch sie würden mir nicht folgen. Die ersten Sätze sind ebenso lichtscheu wie deine Konturen, an denen nun ein dunkler Flügel angewachsen ist. Ich tauche unter ihm weg, um deine andere Seite zu inspizieren. Sie gleicht meinem eigenen Profil. Als ich die Augen zu einem Spalt öffne, weil es so blendet, sehe ich einen Schatten das Fenster passieren. Eigentlich ist es ein perfektes blaues Quadrat, von dem die Vorhänge gerade beiseite gezogen werden. Die schützende Dachschräge liegt weit hinter mir. Ich drehe mich wieder ins Kissen, um mein Gesicht etwas zurechtzurücken, bevor ich es dir zeige. Du zupfst etwas aus meinen Haaren.

Aus welchem Nest bist du gefallen, du lässt Federn, sagst du. Dann höre ich Tassenklappern aus der Küche und überlege weiter, wie du aussiehst und wohin ich fahren wollte.

 

Erschienen in: Morgenbetrachtung. Verweilen im Gesicht, hrsg. v. E. Kronabitter, Bucher Verlag 2008; ISBN 978-3-902612-54-0

 

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Aalnacht

 

Die großen Ferien sind in der Hitze zusammen gebacken und aufgefädelt auf eine Schnur blauer Tage. Sie hängen an den ausgefransten Säumen unserer Badetücher. Sie rascheln im Grasgestrüpp des längst nicht mehr ganz grünen Dammes, wo ein paar durch die Luft pfeifende Schwänze die Fliegen aus Kuhgesichtern wischen. Es ist weit im August und abends sitzen die Kinder an der Seeseite. Von dort sehen wir, wie die Sonne sich senkt, und, wenn wir die Augen zusammenkneifen, daumengroße Silhouetten die Kuppe des Rheindamms hinauswandern. Wir wissen, dass die Schatten Fischerstangen dabei haben, und Köder, und in einem Rucksack eine Thermoskanne voller Kaffee und vielleicht einen Campingklappstuhl. Denn die Steine dort drüben sind scharf und spitz. Bis das Wetter sie rund geschliffen hat, wird es länger dauern als diesen Sommer, dessen Tage einer nach dem anderen in den See tropfen und sich auflösen.

„Wann gehen wir Aalangeln?“ Trotzig steht der Kindertrupp vor den Vätern und wiederholt den Kieferauskegler. „Aaaalen!!!“ Die Münder klappen auf bis zum Anschlag. Das Versprechen einer Aalnacht ist uralt, so alt wie diese Ferien schon sind, und wir wollen es endlich einlösen. „Für Aale braucht man eine warme Nacht, eine mit übergehendem Mond“, sagt der Vater, „dann sind sie noch gefräßiger als sonst“. Die Finger einer Männerhand tun so, als würden sie ein Stück Fleisch aus meinem Bauch bohren. Unversehrt winde ich mich los. Wir gruseln uns, wenn im Zwielicht unter den Weiden das Uferschilf raschelt. Wir kreischen, wenn im Wasser irgendetwas unsere Beine streift. Aber wir tarnen den Schrei als übliches Lebenszeichen von Kindern im Wasser für die Erwachsenen an Land. Vor allem ein Wesen ist uns nicht geheuer. Es schwimmt von einem Punkt auf dem Globus namens Sargassosee durch ein Meer und einen endlos langen Fluss hinauf bis zu uns. Um uns zu erschrecken. Und um die Toten, die der See nicht wieder hergegeben hat, aufzufressen. Es nützt nichts, wenn man uns erklärt, dass Aale Räuber sind und nichts Verwestes mögen. Am liebsten würden wir ihn in einem Kübel sehen, wie er sich ringelt vor Wut, und uns so rächen für die Angst, die er uns einjagt, ohne uns je begegnet zu sein.

Das Rheinwasser zieht kraus an uns vorbei. Fischgeruch wabert über den Damm, aus dessen Felsen die gespeicherte Sonnenwärme aufsteigt. In einem zugedeckten Behälter schwappen frische Felchenkutteln. Ich beschleunige auf Rheingeschwindigkeit und reihe mich vor ihrem Gestank ein. Aale mögen ihn, sie sind gute Riecher. Wir knien an den Seesaum, knapp übers Wasser und halten Ausschau nach den schwarzen Schlangenkörpern. Die Männer präparieren die Köder, Eingeweide zerreißen mit einem Schmatzen. Leber, Herz und Därme werden je in ein Fetzchen Seidenstrumpf gewickelt. Unsichtbar sirren die Köder durch die frühe Nacht. Das leise Plopp beim Eintauchen klingt, als nähme jemand einen zu hastigen Schluck heißen Kaffee. Das Feuer, an dem wir sitzen, knistert kaum, die Stimmen sind gedämpft. Die feuerseitigen Backen der Kinder sind heiß, die abgewandten kühl und ein bisschen feucht. Im Dunkeln tastet mein Blick nach dem Glitzern der Silche. Als ich einen erwische, wiege ich mich mit ihm im Wellentakt. Mit geschlossenen Augen geht es am besten. So lauern wir müde auf die wohlbekannten Geräusche: das Klicken, wenn der Bügel an der Rolle umklappt und das Surren, mit der sie sich schneller und schneller dreht, wenn der Fisch versucht abzuhauen. Es ist unser Signal, aufzuspringen.

„Du traust dich nicht“, sagt mein Bruder. Auf dem Grund des weißen Kübels liegt eine schlammiggrüne Scheibe. „Was traue ich mich nicht?“ - „Na, zu ihm hinein.“ - „Sicher“, sage ich und überspiele das Schlottern, das von den Knien hinauf bis zum Kinn läuft. Ich spanne und entspanne die Beinmuskeln, genau wie es Trapezartisten machen, bevor sie von der winzigen Plattform dem Holm entgegen ins Leere springen. Ein Fuß schwebt schon im trüben Wasser. Der Aal fängt an, sich zu entrollen. Mit einem Wedeln seiner Drachenflossen ist er da. Seine glatte Kehle kitzelt über eingezogene Zehen, um herauszufinden, wo er hinein beißen soll. Meine Haut ist ein Reibeisen aus aufgestellten Haaren. Auf ihre Spitzen sind Tautröpfchen gespießt.

„Guten Morgen, hast du aber kalte Füße“, sagt unser Vater. Er reibt nun auch die Zehen meines zweiten Fußes. Noch passen beide Kinderfüße in eine seiner Hände. Mit der anderen kippt er den Kübel an. „Es ist nur einer. Lohnt gar nicht, den mitzunehmen.“ Der Aal hat seinen Dreieckskopf aus dem Wasser gehoben, der Unterkiefer ist beleidigt vorgeschoben. Als wir ihn neben dem ersten Sonnenblinken in den See gießen, reißt er in der Luft sein Maul mit den Spitzzähnen auf. „Er droht uns“, sagt mein Bruder. „Er bedankt sich“, sage ich. Auf dem grünen Damm gegenüber rappelt sich der erste Fellhügel zu einer Kuh auf. Bis wir dort sind, hat ihr schlagender Schwanz den Morgendunst aus einem weiteren blauen Tag gefegt.

 

Erschienen in: Hofsteig Lesebuch, unartproduktion 2007;

ISBN 13: 978-3-901325-55-7

 

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